Wenn Du zaubern könntest

ZauberstabIch möchte Dich durch ein kleines, gedankliches Experiment führen und Dir dazu eine Geschichte erzählen. Es ist eine fantasy-Geschichte über Wunder und Zauberei – und natürlich über die Zeit. Hast Du Lust auf eine phantastische und humorvolle Geschichte?

Du brauchst allerdings ein paar Minuten Zeit dafür – die Geschichte nimmt sich Raum, um den Gedanken dahinter zu entwickeln.

Du kannst Dich natürlich entscheiden, die Geschichte jetzt nicht zu lesen – weil es zu lange dauert und Du keine Zeit hast. Aber gerade dann ist es für Dich vielleicht hilfreich sie zu lesen, denn es geht genau darum: Um Zeit. Und was wäre, wenn Du mehr Zeit hättest. Oder weniger.

Liest Du weiter?

Stell Dir für einen Moment vor, dass Du eines nachts Besuch von einer Fee bekommst. Diese Fee findet, dass Du ein besonders netter und hilfsbereiter Mensch bist – und deswegen macht sie Dir ein Geschenk. Sie schenkt Dir die Fähigkeit, einen ganz besonderen Zauber zu wirken.

Mit diesem Zauber kannst Du auf wundersame Weise bewirken, dass Dinge erledigt sind. Du musst es Dir nur wünschen – und schwupp ist es erledigt. Die Sache hat nur einen klitzekleinen Haken – aber dazu kommen wir später.

Die Fee verschwindet wieder mit einem Plöpp in einem Schleier aus kleinen Sternchen, und Du liegst noch lange wach und fragst Dich, ob Du nun reif für den Doktor bist – oder ob das gerade wirklich passiert ist.

Am nächsten Morgen erwachst Du ganz gerädert, weil Dir einfach Schlaf fehlt. Du hast gerade mühsam die Beine aus dem Bett geschwungen, da fällt Dir die Fee wieder ein. Ob das nur ein Traum war? Es fühlt sich zumindest sehr unwirklich an.

Auf dem Weg ins Badezimmer erinnerst Du Dich daran, dass die Fee Dir etwas geschenkt hat. Mit einem Grinsen wünschst Du Dir beim Zähneputzen, dass die Spülmaschine schon ausgeräumt ist und alles ordentlich in den Schränken steht.

Jetzt wirst Du neugierig – und schnell läufst Du mit der Zahnbürste in der Hand in die Küche. Man weiß ja nie: Vielleicht ist die Fee ja wirklich da gewesen.

In der Küche bleibst du wir angewurzelt stehen. Gestern Abend war die Spülmaschine noch bis oben hin voll. Jetzt ist sie leer und der gesamte Inhalt steht sauber in den Schränken.

Unfassbar!

Das war anscheinend tatsächlich kein Traum. Schnell wünschst Du Dir, dass das schmutzige Geschirr, was von gestern Abend noch auf der Arbeitsfläche steht, in der Spülmaschine ist. Du hörst ein kurzes Plöpp – so ähnlich wie gestern Abend beim Verschwinden der Fee. Dann ist die Arbeitsfläche plötzlich leergeräumt und das ganze schmutzige Geschirr in der Spülmaschine.

Ein Lächeln macht sich in Deinem Gesicht breit, das man vermutlich irgendwann operativ entfernen muss. Das ist ja phantastisch!

Du schluckst den Zahnpastaschaum einfach runter und rennst zu Deiner ToDo-Liste. In den nächsten 5 Minuten sind immer wieder leise Plöpps zu hören – dann gehst du zufrieden und breit grinsend ins Badezimmer und nimmst eine heiße Dusche. Das Tagwerk ist geschafft:

  • Die ganze Wohnung ist geputzt wie nach einem Frühjahrsputz.
  • Der Platten am Fahrrad Deiner Tochter ist geflickt und die Bremse neu eingestellt. Eigentlich war das ja eine Aufgabe von Deinem Mann, aber es läuft gerade so gut.
  • Deine Schuhe sind geputzt und frisch imprägniert.
  • Das Protokoll von der letzten Hauptversammlung im Verein ist geschrieben.
  • Die Abstimmung mit den anderen Eltern für die Vorbereitung des Schulfestes ist erfolgt und protokolliert.
  • Zwei Telefonate mit Ärzten und der Versicherung sind erledigt – die Ergebnisse standen auf einem Zettel.

Es scheint nichts zu geben, was mit der Magie der Fee nicht hinzukriegen wäre. Jetzt kannst Du ganz entspannt zur Arbeit fahren.

Auf der Arbeit verschaffst Du Dir zunächst einen Überblick über das, was für diesen Tag ansteht – und beginnst dann zu wünschen. Deine Kollegen schauen etwas irritiert, als mehrmals ein leises Plöpp erklingt. Jetzt noch kurz dem Chef die Ergebnisse zeigen – und dann zur Belohnung mit dem Kollegen einen Kaffee trinken gehen.

Dein Chef ist überrascht, wie schnell Du alles erledigt hast. Er lobt Dich lächelnd – und gibt Dir gleich 5 weitere Aufgaben mit. Mist – der Schuss ging nach hinten los. Die Kollegen schauen Dir feixend hinterher, als Du wieder an Deinen Platz gehst.

Du denkst Dich in die neuen Aufgaben ein, machst kurze Konzeptskizzen – und wieder erklingt leises Plöppen.

Am Ende dieses Arbeitstages bist Du redlich geschafft. Du hast soviel geschafft, wie noch nie in Deinem Leben. Auch Deine Kollegen haben mitbekommen, dass Du einen richtigen „Lauf“ hattest – und sich daraufhin mit der Bitte um Unterstützung bei eigenen Aufgaben an Dich gewendet.

Kaum zu Hause angekommen klingelt es an der Tür. Die Nachbarin fragt, ob Du Ihr beim Aufbauen eines neuen Kleiderschranks helfen kannst. Normalerweise hättest Du mit Blick auf den Haufen eigener Aufgaben mit Bedauern und schlechtem Gewissen „nein“ gesagt.

Aber heute ist ja alles anders. Nach einem leisen Plöpp stehen für Deine Tochter ein Glas Saft und ein paar geschnittene Apfelstücke auf dem Küchentisch – und schon geht es rüber zur Nachbarin.

Du kommst nach erfolgreichem Aufbau des Schranks zurück – und Dein Blick fällt auf den Berg Bügelwäsche. Fast schon routinemäßig erklingt ein leises Plöpp. Die gesparte Zeit nutzt Du für ein paar Telefonate.

Als Dein Mann dann eine Stunde später von der Arbeit nach Hause kommt, bist Du völlig angenervt. Die Telefonate waren anstrengend und zum Teil unerfreulich. Besser Du hättest statt zu telefonieren die Wäsche selber gebügelt. Beim Bügeln kannst Du nämlich in Ruhe Deinen Gedanken nachhängen. Auch wenn es lästig ist: Du kannst beim Bügeln irgendwie prima entspannen. Das ist wie Karma Yoga.

Nachdem Du Deine Tochter ins Bett gebracht hast, ruft eine Freundin an: Ob Du das Buch schon gelesen hast, was sie Dir geliehen hat? Sie möchte es nämlich einer anderen Freundin leihen. Du zuckst bei der Frage kurz zusammen. Das Buch liegt seit 6 Wochen unangetastet unter der Fernsehzeitung vergraben. Dann plöppt es leise und Du kannst antworten: Habe ich gelesen – gutes Buch.

Dabei bleibt in dir ein ganz fader Beigeschmack zurück. Du kennst jetzt zwar den Inhalt des Buches. Was Dir aber fehlt, ist das Leseerlebnis. Dieses wunderbare Versinken in eine Geschichte, die Dich berührt. Das entspannte Gefühl, wenn Du nach zwei Stunden das Buch aus der Hand legst.

Langsam dämmert es Dir, dass der Zauber der Fee einen Haken hat: Je mehr Du wegschaffst, desto mehr Aufgaben fliegen wie magisch zu Dir. Und Du bringst es nicht fertig, „nein“ zu sagen. Weil Du diesen tollen Zauber geschenkt bekommen hast, der alles soviel einfacher und schneller macht. Und weil Du gerne hilfst.

Und Dir fehlt manchmal das „Erleben“ der Dinge, die du per Zauber erledigst.

War dieser Zauber mehr Fluch als Segen?

Du hängst gerade diesem Gedanken nach während Du im Badezimmer kurz das Chaos beseitigst, das Deine Tochter hinterlassen hat. Plötzlich plöppt es laut und die Fee steht wieder vor Dir.

„Du siehst nicht glücklich aus!“, stellt die Fee fest.

„Nein – das bin ich auch nicht.“, gibst Du zu. „Ich schaffe es einfach nicht „nein“ zu sagen. Ich kann alles mit einem Plöpp erledigen – und bin trotzdem ganz geschafft.“

„Oh – da kann ich helfen.“, zwitschert die Fee fröhlich. „Ich drehe den Zauber einfach um.“

Es plöppt wieder laut und die Fee ist verschwunden.

Was meint sie nur mit „Zauber umdrehen“, fragst Du Dich. In dem Moment kommt Dein Mann in das Badezimmer und fragt, wo Du denn bleibst. Er wollte gerne mit Dir noch ein Glas Wein trinken.

„Wieso?“, fragst Du zurück. „Ich habe doch nur kurz das Chaos hier beseitigt.“

„Kurz?“, fragt Dein Mann ironisch. „Du bist seit einer Stunde hier oben.“

Seit einer Stunde? Das konnte gar nicht sein – das waren maximal 5 Minuten.

Am nächsten Tag merkst Du, dass der Plöpp-Zauber nicht mehr funktioniert. Es kommt kein Plöpp mehr – Du musst wieder alles selber machen. Ist vielleicht auch besser so, denkst Du.

Doch schnell merkst Du, dass jetzt ein anderer Zauber aktiv ist: Du benötigst für alles, was Du tust, unendlich viel mehr Zeit als früher. Du räumst zum Beispiel die Spülmaschine ein und brauchst dafür gefühlte 3 Minuten. Wenn Du dann aber auf die Uhr schaust, ist bereits eine Stunde vergangen.

Für die Außenwelt musst Du wie eine Schnecke wirken!

Das kann doch nicht wahr sein, denkst Du. Das nennt die Fee Hilfe? So kriege ich ja nie was fertig. Innerlich hoffst Du, dass die Fee wieder erscheint um irgendwas zu tun. Das muss ein Ende haben!

Aber die Fee kommt nicht. Du bleibst unendlich langsam in allem, was Du tust.

Das führt natürlich dazu, dass Du deutlich weniger am Tag schaffst. Dein Chef und Deine Kollegen bemerken es irritiert – vor allem, weil Du gerade noch so fix warst. Deine Familie beschwert sich, weil Dinge einfach liegen bleiben und Deine Tochter sich die Socken selber von der Leine nehmen muss.

Deine Freundinnen beschweren sich, weil Du keine Zeit mehr für sie hast. Es ist ein Alptraum!

Erstaunt stellst Du allerdings nach einer Weile auch fest: Die Welt dreht sich weiter!

Anfangs sind alle noch sehr unzufrieden und nörgeln rum – aber nach und nach gewöhnen sie sich an deine neue Langsamkeit. Dein Mann macht notgedrungen ein paar weniger Überstunden, weil er seine Hemden jetzt selber bügeln muss. Deine Tochter nimmt ihre Kleidung selber von der Leine und packt sie in den Kleiderschrank. Und Deine Nachbarin fragt sogar, ob sie Dir etwas vom Markt mitbringen kann.

Für Deinen Chef bist Du nicht mehr das „beste Pferd im Stall“ – und Dein Kollege bekommt nun öfter mal die interessanten Aufgaben. Aber Du wirst nicht gefeuert – und Dein Gehalt wird auch nicht gekürzt.

Alles läuft irgendwie weiter.

Du lernst recht schnell zu vielem „nein“ zu sagen. Einfach, weil Du es zeitlich nicht mehr schaffst. Zuerst machen Dir die enttäuschten Gesichter beim „Nein-sagen“ arg zu schaffen. Du möchtest doch gerne helfen! Aber auch das lernst Du auszuhalten. Die Anderen müssen Dich so nehmen, wie Du nach dem zweiten Zauber der Fee nun mal bist. Du kannst es nicht ändern!

Und irgendwann hast Du Dich mit diesem neuen Zustand der unendlichen Langsamkeit abgefunden. Du kannst Dich kaum noch daran erinnern, wie es vorher war.

Und ab diesem Zeitpunkt erlebst Du eine nie dagewesene innere Ruhe. Du machst alles in Deinem langsamen Tempo – und was nicht geht, das muss halt liegen bleiben. Im Ansehen der Anderen bist Du jetzt die „Superschnecke“ – aber ist der Ruf erst ruiniert, dann schleicht es sich ganz ungeniert.

Deine Tochter hat Dich trotzdem noch lieb – und Dein Mann zieht auch nicht aus. Ein paar Freundschaften sind auf der Strecke geblieben – doch Deine engsten Freunde halten weiter zu Dir.

Und eines Tages, Du bügelst gerade seit 30 Minuten an einem Hemd, macht es laut Plöpp und die Fee steht wieder vor Dir.

„Du siehst zufrieden aus.“, stellt sie fest. Und macht ihrerseits dabei ein zufriedenes Gesicht.

„Anfangs war es die Hölle!“, erzählst Du. „Doch ich habe mich mit der Langsamkeit abgefunden. Und seitdem mir das gelungen ist, fühle ich mich befreit und entspannt.“

„Ich könnte den Zauber wieder wegnehmen und alles wäre wie früher.“, bietet die Fee an.

Du kommst ins Grübeln. Alles wäre wie früher?

Nein, denkst Du Dir. Es wäre nicht alles so wie früher. Weil Du nicht mehr so bist wie früher. Du hast gelernt, „Nein“ zu sagen.

Wie wäre es, mit dieser Fähigkeit das alte Tempo wieder zu bekommen? Wieviel Gutes könntest Du Dir mit der gewonnenen Zeit tun?

„Möchtest Du, dass ich den Zauber löse?“, unterbricht die Fee Deinen Gedankengang.

 

Tja, möchtest Du das?

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